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Die Hürdenehmerin – eine Bildgeschichte mit plastischen Elementen des ehemailgen Kunst -AG Projekts

Im Wintersemester 1994 gab es eine Kunst-AG im Köln Kolleg. Wir wollten gemeinsam ein grosses Bild mit plastischen Elementen gestalten, das vom Alltag des Schullebens erzählt.

Ausgangspunkt war eine lebensgroße, blaufarbene Figur, die in früherer Kunst-AG von einer Studierenden angefertigt war und die jemand - aus für uns nachvollziehbaren Gründen - zerstört

hatte: Eine weibliche Figur, die dabei ist, aus dem dritten Stock in den Freitod zu springen, das linke Bein hebt sie bereits über die Balustrade. Die dunkle Präsenz dieser Figur, montiert in der dritten Etage, dort, wo die Abiklausuren geschrieben werden, hatte jemanden bewogen, sich mit voller Wucht dagegen zu werfen und das Gebilde aus Maschendraht und Papiermaschée zu zerstören. Frei nach dem alten Punkmotto: Macht kaputt, was euch kaputt macht...

Da diese Figur, mal abgesehen von der künstlerischen Aussage, sehr gut gearbeitet war, hat sie nach ihrer Demontage jedoch nicht den Weg in die Mülltonne genommen, sondern lag in ihrem ramponierten Zustand in einem Kellerraum und wartete auf bessere Zeiten. Diskussionen in der Kunst-AG ergaben: Wir deuten diese Figur um. Aus der negativ besetzten Figur machen wir etwas kraftvoll Positives: Sie nimmt die Hürde. Den Bildträger bauten wir noch gemeinsam aus Dachlatten. Das Format: 10 m x 1,20 m.

Vermutlich lag es nicht nur an der plötzlich nicht mehr vorhandenen Zeit, dass die gemeinschaftliche Arbeit danach zerbröckelte, die schiere Größe des Bildträgers hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass das Projekt auf der Strecke blieb. Immerhin, der Anfang war gemacht, ich musste einfach nur dranbleiben.

Juni 1995

Das Abi ist geschafft! Die Party ist gefeiert! Drei Jahre voller Ereignisse liegen hinter mir. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, die das alles mit mir durchgestanden haben, ein sehr intensiver Lebensabschnitt ist zu Ende. Aber ich habe Glück, ich muss mich nicht sofort vom KöKo trennen, sondern habe noch eine kurze, persönliche Fristverlängerung:

Ich bin entschlossen, nach Hildesheim zu gehen und dort das Studium der Kulturpädagogik (heute Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis) aufzunehmen. Für die Aufnahmeprüfung muss ich eine Mappe mit eigenen Kunstwerken präsentieren. Als Mitglied der damaligen KöKo Kunst-AG habe ich mit dem Leiter dieser AG, Herrn Meyer-Schrauth verabredet, ein Werk zu gestalten, dass als Gemeinschaftsprojekt begonnen, dann aber doch im Sande verlaufen war. Mit der Fertigstellung dieser Arbeit und der Fotodokumentation darüber will ich also meine Mappe machen. Eine echte Herausforderung, noch dazu unter Zeitdruck, der Termin für die Aufnahmeprüfung steht, aber ich will es schaffen.

 

Die Hürdenehmerin

Das Bild ist wie ein hiesiger Text von links nach rechts zu lesen. Alle figürlichen Elemente sind aus dem ähnlichen Material wie die Hürdenehmerin, also aus Maschendraht und Papiermaschée.

Ganz links eine Mauer, grau, aus großen Steinen, fest verfugt. Darauf in bunten Schriftzügen grelle Fragen und Argumente gegen den 2. Bildungsweg: „Was willst du denn mit dem Abi? - 3 Jahre und dann? - Geh lieber arbeiten! - und das von unseren Steuern!“ ..... Es haben nicht alle Argumente und Fragen Platz auf diesem kurzen Mauerstück, aber ein ganz wichtiges noch: „Werd endlich vernünftig“. Inmitten dieser Argumente eine ultramarinblaue Figur, die sprichwörtlich mit dem Kopf durch die Wand will, das Gesicht und die Hände sind bereits in die Mauer eingedrungen. Die Mauer zeigt an diesen Stellen Risse. Am rechten Handgelenk der Figur beginnt ein roter Faden und führt weiter ins Bild. Die an der grauen Mauer angrenzenden Farbhintergründe sind der krasse Gegensatz zum Mauergrau: leuchtendes Gelb, Knallrot, Grasgrün und zum rechten Bildrand hin ein signalrot durchzogenes, gelb unterlegtes Orange.

In der Bildmitte sitzt die blaufarbene Lernende am Schreibtisch, den Kopf in müder Haltung auf die linke Hand gestützt, schreibend, Bücherstapel und Papiere türmen sich auf dem Schreibtisch neben ihr. Über der Lernenden ein großes, graugerandetes Trichterfeld mit (meinen) Schulaufzeichnungen. Der rote Faden zieht auch hieran vorbei, zuvor hat er allerdings Schlaufen und sinusartige Kurven um das Kleingeld und die Stellenanzeigen für Minijobs geschlungen, mit der sich die Lernende auch noch zu befassen hat...

Graue Steine liegen wie Stolperfallen links und rechts der Lernenden, auch hieran zieht der rote Faden vorbei, zieht durch Höhen und Tiefen und manchmal sich in Kreisen überschlagend weiter.

Direkt neben der Lernenden umfasst der rote Faden, jetzt ganz gradlinig, den Rand eines konzentrierten, blauen Feldes. In diesem Feld befinden sich drei Affen: Der erste hält sich die Ohren zu, der zweite verdeckt seine Augen und der dritte hält die Hände vor den Mund: Höchste Konzentration, Ausblendung - fast - aller Ablenkung, nicht mehr viel Zeit für den Rest der Welt: Das ist die heisse Phase kurz vor dem Abi.

Nach dem blauen Feld schwingt sich der rote Faden hoch, dreht letzte Runden, vorbei am letzten Stolperstein und trifft auf die Hürdenehmerin. Diese schwingt kraftvoll und mit immer noch hochroten Ohren ihr linkes Bein über die Hürde, bereit zum Sprung in einen neuen Lebensabschnitt! Ihr rechter Fuß berührt einen Meilenstein mit der liegenden 8 darauf, das Unendlichkeitszeichen als Symbol für die Perspektive lebenslanges Lernen, nach dem Abschluss ist vor dem Studium, oder auch: Das Ende des Lernens bedeutet das Ende des Lebens.

Der rote Faden knäult sich hier und liegt weiter rechts vom Meilenstein am unteren Rand eines Strassenverkehrs-Warnzeichens: Achtung Gefahrstelle. Das hier ansonsten übliche Rufzeichen inder Schildmitte ist als bildabschliessendes Symbol durch ein Fragezeichen ausgetauscht. Stellvertretend für die vielen Fragen, die der genommenen Hürde folgen: Was passiert jetzt?

Schaffe ich tatsächlich ein Studium oder kehre ich zurück in den erlernten Beruf? Bleibe ich in Köln? Wie wird das Leben in der neuen Stadt? Fragen über Fragen. Was allerdings für diese und für jede Hürde wichtig ist: Nicht stolpern und straucheln, sondern weitergehen in der Gewissheit, ich habe diese Hürde genommen! Weitere werden folgen und ich kann es schaffen – wenn ich will!

 

Februar 2017

Ein spontaner Besuch im Köln-Kolleg, auf dem Hinweg beschwichtigende Gedanken: „Sei bloss nicht enttäuscht, wenn das Bild weg ist: Ist schließlich 22 Jahre her...!“

Dann die Überraschung – ich betrete den Innenhof der Schule und da hängt es! Im dritten Stock, an der Balustrade, farbenfroh, lebensbejahend und sehr präsent! Ich betrete das Sekretariat, die nächste Überraschung: Katja erkennt mich sofort! Freut sich sehr und - ich staune erneut - bittet die Rektorin aus ihrem Büro: „Schauen Sie mal, wer da ist, wir haben vor wenigen Tagen noch von ihr gesprochen“ Ich bin überwältigt, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich soll mir das Bild näher anschauen, da es in den vergangenen Jahrzehnten gelitten hat und einschätzen, ob es zu reparieren ist. Nach kurzer Inaugenscheinnahme ist klar: Jawohl, das geht, und auch: Ich mache das sehr gerne! Auf dem Weg zurück kann ich es kaum fassen: Ich habe zugesagt, meine Arbeit aus dem Jahr 1995 zu überarbeiten. Das Bild ist ein Teil der Schule geworden und das Kollegium möchte sich nicht davon trennen. „Es passt einfach perfekt hierher“ hatte Katja noch gesagt. Ein kleines Wunder – ich schwebe nach Hause.

Juni 2017

Mein Sommerurlaub in Köln: Brütende Hitze und viel zu tun. Dennoch: beste Bedingungen! Meine Freundin Silke Häge reist aus Freiburg an. Wir beide sind in Sachen Skulpturbau Ex-Kolleginnen und schätzen das Zusammenarbeiten sehr. Damit ist klar: Wir packen das an. Konzertierte Aktion: Mit Hilfe des Hausmeisters und zahlreicher Studierender wird das Bild in denKeller getragen. Anschliessend Materialbeschaffung im Baumarkt und erste Arbeiten am Bild. Das Beste: Der Keller ist kühl! Die Arbeit macht Spass! Und – sehr angenehm – die Kosten fürEssen und Getränke übernimmt die Schule. Das Material inkl. der Reisekosten wird vom Förderverein der Schule gestiftet. So macht das Arbeiten Laune! 2 Tage arbeiten wir gemeinsam die schwierigsten Reparaturstellen ab, dann muss Silke zurück nach Freiburg. Die kommenden 2 Tage reichen aus, um den Rest alleine zu schaffen. Zwischendurch kommt der Gedanke auf:

Wie schützen wir das Bild vor erneuten Knabberschäden durch nervöse Studierendenhände? Ein „Piddelschutz“ wäre gut – eine feste, obere Abschlusskante. Katja ist begeistert und düst los:

Besorgt perfekt in Farbe und Länge passende Kantenschoner. Danke Katja! Überhaupt gibt es zwischendurch so nette Komplimente und dankbare Kommentare seitens der Studierenden und der Lehrenden, dass es mir wirklich Freude bereitet, meinen Urlaub mit dieser Arbeit zu verbringen. Ich gewinne den Eindruck: Mein Bild drückt in scheinbar zeitloser Bildsprache den Schulalltag und einige der damit verbundenen Schwierigkeiten aus. Auch wenn es schon lange her ist, dass ich das Abi gemacht habe, die heutigen Studierenden bewegen ganz ähnliche Schwierigkeiten, Fragen, Sorgen und Glücksmomente. Die leuchtenden Farben sprechen eine sehr direkte Sprache: Sonne, Licht und Leben: Mühe lohnt sich!

 

Herzlichen Dank an alle, die das Bild mögen und nicht darauf verzichten wollten!

Karin Wolters